Balgacher Rebberg – und neue Erkenntnisse setzen sich durch.
Was wäre doch das Dorf Balgach ohne den Rebhang, ohne den wundervollen Balgacher Wein! Seit uralten Zeiten wurde schon Rebbau betrieben, und nebst der Stickerei gehörte auch der Rebbau in Balgach zu einer Einnahmequelle. In beiden Bereichen gab es aber auch Krisenzeiten. Im Rheintaler Rebbau, obwohl man oft der eingeschleppten Reblaus Schuld gibt, war es aber vor allem wegen den Pilzkrankheiten. Heute ist Balgach mit ca. 24 Hektaren Reben eine der grösseren Weinbaugemeinden im Kt. St. Gallen. Drei Grossbetriebe mit Kelterei, etliche Landwirte und ein paar Dutzend Hobby-Rebbauern und Rebbäuerinnen pflegen die vielen tausend Rebstöcke in Balgach.
Die Bewirtschaftung der Reben am Steilhang ist streng und sehr zeitaufwändig. Maschinen können nur begrenzt eingesetzt werden. Der Vorteil der Steillagen: stärkere Sonneneinstrahlung. Auch haben wir in der Schule gelernt, dass im Rheintal die Trauben dank dem Föhn gedeihen können. Dieser warme Wind ist unser „Traubenkocher", er lässt die Oechsle (Zuckergehalt) in die Höhe steigen. Heute wird der Balgacher Rebberg in einer neuzeitlichen, umweltschonenden und qualitätssteigernden Produktionsform bewirtschaftet. Dies hat zur Folge, dass wir heute den gesünderen Wein trinken als früher. Wein und Milch sind in der Schweiz die beiden Lebensmittel, die am meisten und strengsten kontrolliert werden.
Wir haben also einen Riesenschritt von der herkömmlichen zur heutigen Bewirtschaftung im Rebbau gemacht. Dieser Schritt hat es der Natur ermöglicht, im Rebberg einzukehren, (siehe „Eine Vielfalt von Flora und Fauna im B. Rebberg“). Früher haben die Rebleute die Rebbergböden gepflügt oder auch von Hand gehackt. Fiel starker Regen, so schwemmte es die feine Erde weg. Auch konnte so Stickstoff ins Grundwasser gelangen. Trotzdem, diejenigen Bauern, die den Boden nicht unkrautfrei hielten, galten als liederlich. Dank der Forschung in der Versuchs– und Forschungsanstalt Wädenswil setzte sich die Erkenntnis durch, dass durch die Begrünung des Rebbergs keine Konkurrenz zur Rebe entsteht. Also liess man der Einkehr der Pflanzen freien Lauf. Dies wiederum bewirkte, dass auch Insekten, Spinnen und Käfer den Lebensraum Rebberg entdeckten. Damit aber all diese Tiere überleben können, wird immer nur abwechselnd jede zweite Rebreihe gemäht. Somit besteht die Gewähr, dass Blütenpollen und Nektar vorhanden sind. Diese neue Bewirtschaftung brachte auch Raubmilben, die so genannten Nützlinge, in den Rebberg. Winzig kleine Tierchen, nur mit starker Lupe sichtbar, doch für den Rebbauer enorm wichtig. Bei Nahrungsmangel an den Reben ist auch für sie die Begrünung wichtig. Das Vorhandensein der Nützlinge bewirkt, dass auf gewisse Pflanzenschutzmittel verzichtet werden kann, (z.B. gegen die rote Spinne, nur mit Lupe sichtbar und nicht die eigentlichen Spinnen gemeint).

Durch die Begrünung weniger Nitrat im Wasser.
Zur Erzeugung mineralischer Stickstoffdünger wird viel Energie eingesetzt, man rechnet grob mit einem Liter Erdöl pro Kilogramm Stickstoff. Während der Hauptentwicklungszeit der Rebe benötigt sie grosse Stickstoffmengen. Mit angepasster Bodentechnik (alternierendes Mähen der Begrünung) kann das Stickstoffangebot im Boden dem Bedarf der Rebe angepasst werden. Dadurch kann der Einsatz mineralischer Dünger stark eingeschränkt werden. Über den Winter können aber erhebliche Stickstoffmengen ausgewaschen werden. Durch eine wachsende Begrünung im Herbst kann dieser Stickstoff in Form von Eiweiss gespeichert werden und steht den Pflanzen im Frühjahr nach dem ersten Mähen wieder voll zur Verfügung. Auch gibt das liegengelassene Schnittgut durch Verrottung neuen Humus. In der IP (Umweltschonenden Bewirtschaftung) gibt es in Balgach Rebbauern, die kaum noch zusätzlichen mineralischen Dünger einbringen. Zeigen Rebstöcke Mangelerscheinungen, so wird mit einer Bodenanalyse die genau benötigte Düngung festgestellt. Bei stark gedüngten Reben faulen die Trauben eher.

Krankheiten bedrohen seit jeher unsere Rebstöcke und Ernten.

In der umweltschonenden Bewirtschaftung der Reben, der IP, dürfen keine giftigen Pflanzenschutzmitteln verwendet werden. Die Forschungsanstalt Wädenswil gibt da ganz klare Anweisungen. Heute existieren eine Vielzahl von Pflanzenschutzmitteln auf dem Markt, die weder den Raubmilben, noch den Bienen noch vielen andern Tieren Schaden antun können. Die Rebleute müssen über ihren Pflanzenschutz und der Arbeit im Rebberg Buch führen. Es gibt Kontrollen. Der Kupfereinsatz als Pflanzenschutz darf bei Vitiswiss (ist eine Stufe höher als Integrierte Produktion, IP) 3 Kilo pro Hektare und Saison nicht überschreiten. (Früher 70-90 kg pro ha und Saison, es fehlten andere Mittel.) Die Pflanze nimmt kein Kupfer auf, es gelangt also nicht in die Traube, ist aber für Pflanzenwurzeln schädlich.

Gefürchtete Pilze im Rebberg

Graufäule. (Botrytis)
Dieser Pilz an der reifenden Traube ist sehr gefürchtet. Einmal angesteckt, dazu nasses Wetter, da verbreitet sich die Fäulnis überaus schnell.
Falscher Mehltau
Echter Mehltau
Dies sind für die Rebleute sehr gefürchtete Pilze. 1878 wurden sie von Nordamerika nach Europa eingeschleppt. Der Pilz kann Blätter und Trauben befallen. Befallene Blätter und junge Träubchen verdorren und fallen ab. Sind die, vom Falschen Mehltau befallenen Traubenbeeren schon grösser, so schrumpfen sie ein und verdorren. Es gibt die so genannten Lederbeeren. Auch beim Echten Mehltau verhält sich die Krankheit sehr ähnlich. Die grösseren befallenen Beeren platzen auf, der Samen wird sichtbar, genannt Samenbruch. In beiden Fällen werden die Trauben ungeniessbar, nicht einmal die Vögel mögen sie noch. Auch die Krankheit Rotbrenner kann eine Ernte vernichten. In diesem Rebberg wurde z.T. zu wenig und zur falschen Zeit Pflanzenschutz betrieben. Die Ernte war verloren. Heute kommt ein Rebbauer nicht ohne genaue Kenntnisse im umweltschonenden Pflanzenschutz aus.

Mit dem Warngerät dem Mehltau und dem Rotbrenner einen Schritt voraus.
In den letzten Jahren sind bei der Erforschung der Lebensweise des Echten und Falschen Mehltaus sowie dem Rotbrenner entscheidende Fortschritte erzielt worden. Die meisten Pilzkrankheiten brauchen bestimmte Witterungsbedingungen, um sich zu entwickeln. Über einige Krankheiten ist heute bekannt, wie lange z.B. die Blätter nass sein müssen, damit die Pilzsporen eine Infektion verursachen können. Diese Erkenntnisse wirken sich bei der Bekämpfung positiv aus.

Die Wetterbeobachtung und Messung der Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Blattbenetzung und Regenmenge war bis vor etlichen Jahren eine sehr zeitaufwändige Angelegenheit. Heute stehen elektronische Kleinwetterstationen mit integriertem Computer zur Verfügung. Diese Gräte werden direkt im Rebberg aufgestellt (bei fachkundigen Rebbesitzer). Durch die Solarzellen werden die Messinstrumente mit Strom versorgt. Alle 12 Minuten wird automatisch gemessen. Sobald eine Infektionsgefahr besteht, wird Alarm ausgelöst. Die Wetterdaten und die Meldung über Infektionsgefahr werden direkt am Warngerät auf einen Papierstreifen ausgedruckt. Heute können Warnmeldungen auch über Telefon und Modem übermittelt werden. Dank dieser Möglichkeit können die Infektionsgefahren von der Beratungsstelle noch schneller erfasst werden.

Ein simples Drahtgeflecht hält alte, im Rebberg überwinterte Rebenblätter fest. Diese werden im Frühling gesammelt und ins Labor gebracht.
Im Labor erfolgt anschliessend die Untersuchung der Blätter mit Lupe und Mikroskop. Unter der Lupe werden die Fruchtkörper (Grösse ca. 0.2-0.3 mm) gezählt, mit dem Mikroskop kann die Reife der Sporen bestimmt werden. Findet man keine oder nur wenige Fruchtkörper, wird auf eine Bekämpfung des Rotbrenners verzichtet. Behandelt wird nur, wenn aufgrund einer hohen Fruchtkörper- und Sporenzahl ein Schaden zu erwarten ist. Das gleiche gilt auch beim Falschen und Echten Mehltau. Pflanzenschutz wird bei allen Pilzschädlingen und auch bei tierischen Schädlingen nur bei einem Krankheitsdruck ausgeführt. Jeder Rebbauer ist froh, wenn er diese Arbeit so wenig als möglich machen muss, denn dabei kann er nicht nur Arbeitszeit einsparen, er hat auch weniger finanzielle Auslagen.

Forschungsarbeiten
Prüfung resistenter Rebsorten an der Forschungsanstalt Wädenswil
und in der Praxis.
Bevor eine Rebsorte den Weinbauern allgemein zum Anbau empfohlen werden kann, ist diese auf ihre Eignung hin zu prüfen. Dabei geht es um das Wachstumsverhalten, den Traubenertrag, die Traubenqualität, den Reifezeitpunkt der Trauben usw. Bei den resistenten Rebsorten geht es auch darum zu sehen, wie gut ihre Resistenz überhaupt ist. Die Sorten, welche den Anforderungen nicht genügen, werden gerodet. Nicht nur die Forschungsanstalt, sondern auch Rebbauern beteiligen sich an der Erprobung neuer, und im besonderen resistenter Rebsorten. Wenn dies vorerst auch nur auf kleinen Flächen geschieht, so kommt diesen Rebbauern doch eine gewisse Pionierrolle zu. Damit kommen wir in der Sortenprüfung schneller und auf einer breiteren Basis voran.
Ein weiterer Punkt ist die Weinbereitung. Mit einer neuen, unvertrauten Sorte muss auch der Kellermeister seine Erfahrungen machen. Doch in der Zwischenzeit ist dies schon sehr gut gelungen. Der Wein von resistenten Trauben wird oft auch mit dem Blauburgunder zusammen zu sehr bekömmlichen Weinen verarbeitet. Zu sagen ist, dass der Geschmack des Weins von reinen resistenten Traubensorten total anders ist als der beim Blauburgunder.
Der nächste Schritt ist die Degustation. Dabei dürfen die Fachleute nicht nur unter sich bleiben, sondern die neuen Weine werden auch dem breiten Publikum von Weingeniessern vorgestellt. Sie entscheiden schliesslich, ob ihnen ein neuer Wein gefällt oder nicht, und somit der Absatz gewährleistet ist.
Die resistenten Sorten sind für eine umweltfreundliche Produktion wie die Integrierte Produktion oder für den Bio-Weinbau besonders geeignet.
Die resistenten Sorten können wir dank ihrer Resistenz auch ökologische Rebsorten nennen. Sie benötigen in der Regel keine mehrmaligen Pflanzenschutzbehandlungen, wie dies bei den europäischen Sorten der Fall ist. Das ist ein grosser Schritt in Richtung Einsparung von Pestiziden und auch eine enorme Arbeitserleichterung für den Rebbauer. Eine totale Resistenz gibt es aber nie. Diese variert von Sorte zu Sorte und hängt auch von den Klimabedingungen des Standortes ab. Natürlich nützt es auch nichts, wenn lauthals nach solchen Sorten verlangt wird, es aber für deren Wein keine Liebhaber, d.h. keine Käufer gibt (siehe: "unser Rebberg / Jahr der Rebe").
Der Anbau neuer Reben ist mit grossem Arbeitsaufwand und hohen Kosten verbunden. Ein bescheidener Ertrag kann erst im dritten Jahr nach dem Anbau erwartet werden. Sollte dann der Absatz des neuen Weins nicht gewährleistet sein, so wäre dies ein überaus hoher finanzieller Verlust für den Rebbauer.