Wärmende Sonnenstrahlen im Februar/März (manchmal schon im Januar) lassen die Rebleute unruhig werden. An allen Fasern zieht es sie hinauf in den Rebberg. Sie schneiden die Rebe auf zwei Strecker (verholzte Triebe) oder einen Strecker und Zapfen zurück, je nachdem, welche Form sie wählen. Es ist auch die Zeit der Zwiesprache mit der Rebe. Einem schwachen Stock schneidet man die Ruten kürzer, will ihn nicht überlasten und in Gedanken wünscht man ihm gutes Wachstum, hingegen einer wuchernden Rebe mahnen die Gedanken zu etwas Zurückhaltung. Die gekürzten Ruten werden an den Drähten oder Rebstickeln angebunden.

Löwenzahn als lauter kleine Sonnen in einer Rebparzelle im „Bord Arthur“ Balgach, und verblüht mit tausend kleinen Fallschirmen.
Rebe vor dem Frühlingsschnitt
 
Zwei Strecker

Frühling, die Rebe erwacht

Das abgeschnittene Rebreis (verholzte Triebe) wird in die Fahrgasse gelegt, um beim ersten Grasschnitt mit der Maschine, zerkleinert zu werden (alternierend). In Parzellen, die nicht mit einem Mäher befahren werden können, werden die Reiser an einen Haufen getragen und gehäckselt, Hobbyrebbauern zerkleinern es oft von Hand. Die Rückführung des Rebholzes in den Rebberg ist zugleich ein Teil von biologischer Düngung und bei Integrierter- wie Biologischer Bewirtschaftung Vorschrift.

Die Rebe weint

Wärmende Sonnenstrahlen versetzen nicht nur die Rebleute in Unruhe, auch der Rebstock fängt an, sich zu regen. Die Erwärmung des Bodens lässt Rebensaft in die Ruten steigen. An der Schnittstelle wird ein Tropfen sichtbar, er glitzert in der Sonne. Die Rebe weint. Ob es wohl Freudentränen sind? Die Gedanken gehen auf Wanderschaft – man hört den Frühlingsruf der Kohlmeise und wünscht sich von Herzen ein gutes Rebjahr.
Knospe in der Wolle, mit Nebenauge
Die ersten Blättchen, die Nebenaugen werden später entfernt
Die Rebe ist endgültig erwacht. Steigende Wärme bringt die Winterknospe zum Schwellen. Noch ist sie vom feinen Gespinst der Wollhaare umgeben.

Doch schon bald ist auch dieses Stadium durchbrochen, sie entfaltet die ersten Blättchen. Jetzt darf es keinen Frühlingsfrost mehr geben, sonst muss sie jämmerlich erfrieren.

Gescheine (Träubchen) sind sichtbar

Erlesene Triebe

Sobald die Eisheiligen (12. Mai: Pankratius, 13. Mai: Servatius, 14. Mai: Bonifatius, 15. Mai: Kalte Sophie) vorbei sind, werden schwache, oder von Schlafenden Augen ausgetriebene Schosse entfernt. Zwar geben Wettervorhersagen dem Rebbauer Aufschluss, ob er wegen Spätfrost mit dieser Arbeit doch noch ein wenig zuwarten soll.

Die Sonnenein- strahlung am Rebhang ist weit grösser als in der Ebene. Doch die Rebe ist nicht nur auf viel Wärme, sie ist auch auf Feuchtigkeit angewiesen. Hat sie beides zur Verfügung, so entwickelt sie sich rasch. Bald sind die ersten Gescheine (Täubchen) sichtbar, ein Meilenstein im Rebzyklus.
Atemgymnastik im Rebberg kann frohgemut machen, wenn der zarte Duft von Tausenden von Rebenblüten die Luft erfüllt. Doch dieser Duft lockt weder Bienen noch andere Insekten zur Bestäubung an. Die Rebe ist ein Selbstbefruchter. Da hilft eher ein sanfter Wind.

Damit die Rebe blühen kann, benötigt sie warmes trockenes Wetter. Die ganze Blüte wird von den grünen Kronblätter umhüllt, die beim Aufblühen als Käppchen abspringen. Gibt es in diesem Stadium nasses Wetter, so bleibt das Käppchen kleben, die Blüte fällt ab, und es bilden sich keine Beeren.